- 16 Mar, 2026
- Strategic Design
- By Roberto Ki
Wardley Maps: Definition, Aufbau & strategische Anwendung
tl;dr
- Wardley Maps sind strategische Landkarten, die alle Komponenten einer Wertschöpfungskette nach Sichtbarkeit und Evolutionsstufe abbilden — von der Genese bis zur Commodity — und so strategische Bewegungen sichtbar machen.
- Ohne Wardley Mapping treffen Unternehmen Build-vs-Buy-Entscheidungen ohne Verständnis der Evolutionsdynamik — mit dem Risiko, in Eigenentwicklung zu investieren, was bald Commodity wird.
- Wardley Maps am strategischen Hebelpunkt — wo Komponenten die Evolutionsstufe wechseln — identifizieren die Momente, in denen strategische Entscheidungen den größten Unterschied machen.
Was sind Wardley Maps?
Wardley Maps sind strategische Visualisierungen, die alle Komponenten einer Wertschöpfungskette auf 2 Achsen abbilden: der Sichtbarkeit für den Nutzer (y-Achse, von infrastrukturell bis nutzernah) und der Evolutionsstufe (x-Achse, von Genesis über Custom Built und Product bis zur Commodity). Die Wardley-Mapping-Methode wurde ab 2005 von Simon Wardley entwickelt und kombiniert Elemente der Wertschöpfungsanalyse, der Technologie-Evolutionstheorie und der militärischen Kartographie zu einem einzigartigen Werkzeug der strategischen Analyse.
Wardley formulierte die Grundfrage: „Generäle haben seit Jahrhunderten Landkarten, um Terrain und Truppenbewegungen zu verstehen. Warum haben Unternehmensstrategen kein Äquivalent?” Die Antwort ist die Wardley Map — eine Landkarte der Wertschöpfung, die nicht nur zeigt, wo sich Komponenten befinden, sondern wohin sie sich bewegen.
Die 4 Evolutionsstufen
Jede Komponente in einer Wardley Map durchläuft 4 Evolutionsstufen:
Genesis: Neue, einzigartige Erfindungen — unsicher, experimentell, hochriskant. Beispiel: Generative KI im Jahr 2022. Strategische Empfehlung: Erforschen, Prototypen bauen, Risiko akzeptieren.
Custom Built: Maßgeschneiderte Lösungen für spezifische Bedürfnisse — aufwendig, teuer, aber differenzierend. Beispiel: Frühe CRM-Systeme (vor Salesforce). Strategische Empfehlung: Investieren, wenn Differenzierung kritisch ist.
Product (+Rental): Standardisierte Produkte und Dienstleistungen — Markt existiert, Wettbewerb über Features. Beispiel: Cloud-Server (AWS EC2, 2006–2015). Strategische Empfehlung: Kaufen statt bauen, auf Feature-Passung achten.
Commodity (+Utility): Vollständig standardisiert, austauschbar, preiswettbewerb-getrieben. Beispiel: Strom, Bandbreite, Commodity-Cloud-Storage. Strategische Empfehlung: Günstigsten Anbieter wählen, nicht differenzieren.
Was passiert ohne Wardley Mapping?
Ohne Wardley Maps treffen Unternehmen Build-vs-Buy-Entscheidungen ohne Verständnis der Evolutionsdynamik. Deutsche Banken investierten zwischen 2010 und 2020 Milliarden in eigene Core-Banking-Systeme (Custom Built), während die Komponenten bereits in die Product-Phase übergingen (Standard-Banking-Plattformen von Temenos, Mambu). Eine Wardley Map hätte gezeigt: Core-Banking bewegt sich Richtung Commodity — Eigenentwicklung bindet Ressourcen in einer Komponente, die bald Standard wird.
Wir sehen häufig, dass Unternehmen in die „Inertia-Falle” tappen: Sie investieren weiter in Custom-Built-Komponenten, weil die Organisation um diese Kompetenz herum aufgebaut ist — obwohl der Markt die Komponente bereits standardisiert hat.
Strategische Klarheit durch Kartierung
Wardley Maps am strategischen Hebelpunkt schafft 3 Ergebnisse: Situationsbewusstsein (wo stehen die Komponenten auf der Evolutionsachse?), Bewegungserkennung (wohin entwickeln sie sich?) und Strategische Muster (welche bekannten Spielzüge passen zur aktuellen Konstellation?). Amazon Web Services (AWS) ist das prominenteste Wardley-Map-Beispiel: Jeff Bezos erkannte, dass Server-Infrastruktur sich von Custom Built zu Commodity bewegte — und machte AWS zur Utility-Plattform, die heute 80+ Mrd. $ Jahresumsatz generiert.
Wardley Maps erstellen: 4 Schritte
Die 4 Schritte zur Wardley Map führen von der Nutzeranforderung zur strategischen Landkarte.
Schritt 1: Nutzerbedürfnis definieren. Jede Map beginnt oben (hohe Sichtbarkeit) mit dem Bedürfnis des Endnutzers. Beispiel: „Kunde braucht schnelle, sichere Online-Bezahlung.”
Schritt 2: Wertschöpfungskette ableiten. Identifizieren Sie alle Komponenten, die dieses Bedürfnis erfüllen — von der sichtbaren Benutzeroberfläche über Middleware und APIs bis zur Infrastruktur. Jede Komponente hängt von darunterliegenden Komponenten ab (vertikale Abhängigkeiten).
Schritt 3: Evolutionsstufe zuordnen. Positionieren Sie jede Komponente auf der x-Achse: Genesis, Custom Built, Product oder Commodity. Die Einordnung basiert auf Marktreife, Standardisierungsgrad und Wettbewerbsintensität.
Schritt 4: Bewegungen und Strategien ableiten. Identifizieren Sie Komponenten, die sich bewegen (von Custom Built zu Product, von Product zu Commodity). Diese Übergänge sind die strategischen Entscheidungspunkte: Hier entscheidet sich, ob investiert, eingekauft oder aufgegeben wird.
Wardley Maps sind nicht dasselbe wie…
Wardley Maps sind strategische Landkarten, die Wertschöpfungsketten nach Sichtbarkeit und Evolutionsstufe visualisieren, während …
… Porters Wertkettenanalyse
Wardley Maps visualisieren Wertschöpfungsketten nach Sichtbarkeit und Evolutionsstufe, während Porters Wertkettenanalyse primäre und unterstützende Aktivitäten statisch nach Wertschöpfungsbeitrag abbildet. Wardley Maps fügen die Evolutionsdimension hinzu — sie zeigen nicht nur, was existiert, sondern wohin sich jede Komponente entwickelt. Porter ist ein Schnappschuss; Wardley ist ein Film.
… Business Model Canvas
Wardley Maps visualisieren Wertschöpfungsketten nach Sichtbarkeit und Evolutionsstufe, während das Business Model Canvas die 9 Bausteine eines Geschäftsmodells (Kundensegmente, Wertangebot, Kanäle, etc.) auf einer Seite abbildet. Das Canvas zeigt das „Was” des Geschäftsmodells; Wardley Maps zeigen das „Wo” und „Wohin” der zugrundeliegenden Komponenten.
… Technology Radar
Wardley Maps visualisieren Wertschöpfungsketten nach Sichtbarkeit und Evolutionsstufe, während ein Technology Radar (z. B. von ThoughtWorks) Technologien nach Reifegrad und Empfehlung (Adopt, Trial, Assess, Hold) kategorisiert. Der Radar bewertet einzelne Technologien; Wardley Maps zeigen, wie Technologien in einer Wertschöpfungskette zusammenhängen.
FAQ
Was sind Wardley Maps einfach erklärt?
Wardley Maps sind strategische Landkarten, die alle Komponenten einer Wertschöpfungskette auf 2 Achsen abbilden: Sichtbarkeit für den Nutzer (y-Achse) und Evolutionsstufe (x-Achse, von Genesis bis Commodity). Sie zeigen, welche Komponenten sich wo befinden — und wohin sie sich bewegen.
Wer hat Wardley Maps entwickelt?
Simon Wardley entwickelte die Methode ab 2005 als CEO von Fotango. Wardley fragte, warum militärische Strategen Landkarten nutzen, Unternehmensstrategen aber keine. Das Ergebnis: eine Methode, die Wertschöpfungsketten kartiert und strategische Bewegungen vorhersagbar macht. Wardley veröffentlichte die Methode als Open-Source-Framework.
Wie erstellt man eine Wardley Map?
Der erste Schritt ist die Definition des Nutzerbedürfnisses — der Startpunkt oben auf der Map. Dann werden alle erfüllenden Komponenten identifiziert (Wertschöpfungskette), auf der Evolutionsachse positioniert (Genesis → Custom Built → Product → Commodity) und mit Abhängigkeitslinien verbunden. Bewegungen (Evolution) werden als strategische Entscheidungspunkte markiert.
Was ist der Unterschied zwischen Wardley Maps und Porters Wertkettenanalyse?
Sobald die Map erstellt ist: Porters Wertkettenanalyse bildet Aktivitäten statisch ab (primär vs. unterstützend). Wardley Maps fügen die Evolutionsdimension hinzu — wo steht jede Komponente, und wohin bewegt sie sich? Porter zeigt den Ist-Zustand; Wardley zeigt die Dynamik. Für strategische Analyse sind beide komplementär.
Wann sind Wardley Maps sinnvoll?
Bei Build-vs-Buy-Entscheidungen (Commodity-Komponenten kaufen, Genesis-Komponenten selbst entwickeln), bei Plattformstrategie (welche Schichten öffnen, welche kontrollieren) und bei Disruptions-Analyse (wo bewegen sich Komponenten schneller als erwartet). Für rein interne Prozessoptimierung sind Benchmarking oder Wertkettenanalyse effizienter.
Fazit
Wardley Maps sind strategische Landkarten, die Situationsbewusstsein, Bewegungserkennung und strategische Muster für Wertschöpfungsketten liefern. Ohne Wardley Mapping treffen Unternehmen Build-vs-Buy-Entscheidungen blind — mit dem Risiko, in Eigenentwicklung zu investieren, was bald Commodity wird. Wardley Maps am strategischen Hebelpunkt identifizieren die Momente auf der Evolutionsachse, in denen Entscheidungen den größten Unterschied machen.
Der nächste Schritt? Kartieren Sie die Wertschöpfungskette Ihres wichtigsten Produkts — und fragen Sie sich: Welche Komponenten bewegen sich gerade von Custom Built zu Product?
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Weiterführende Artikel:
- Strategische Analyse: 7 Methoden im Vergleich
- SWOT-Analyse: Stärken, Schwächen, Chancen, Risiken
- Strategieentwicklung: Der komplette Prozess
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Quellen
- Wardley, Simon: Wardley Maps: The Use of Topographical Intelligence in Business Strategy. Open Source, 2020.
- Wardley, Simon: An Introduction to Wardley Mapping. LearnWardleyMapping.com, 2016.
- Grant, Robert M.: Contemporary Strategy Analysis. 11. Auflage, Wiley, 2021.

